Beschäftigung gilt gemeinhin als Schlüssel für die gesellschaftliche Integration von Migrant*innen. Dass sich Beschäftigung unter bestimmten Bedingungen jedoch auch als Integrationshemmnis erweisen kann, zeigt die Situation von Migrant*innen aus Südosteuropa in der nordwestdeutschen Kleinstadt Quakenbrück. 

In der Gemeinde und in den angrenzenden Landkreisen konzentrieren sich zahlreiche Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetriebe mit einem großen Arbeitsangebot, das vor allem Migrant*innen aus südosteuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien anlockt. Dies schlägt sich auch in der Bevölkerungsstruktur Quakenbrücks nieder. Mittlerweile stellen rumänische Staatsangehörige mit über 1100 Personen die größte Migrant-*innengruppe in der Kleinstadt dar, die selbst nur knapp 13.000 Einwohner*innen zählt. Hinzu kommen mehrere hundert Migrant*innen aus anderen osteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Polen, Ungarn und der Ukraine. Trotz der bedeutenden Anzahl ist nur wenig über die Migrant*innen und ihre Lebensrealität in Quakenbrück bekannt. Denn ihr Alltag ist vor allem von der kräftezehrenden Beschäftigung in den Schlachtbetrieben – meist in Leiharbeit – bestimmt. Nicht selten leben sie zudem räumlich abgeschottet in Unterkünften für ausländische Werkvertragsarbeiter*innen. 

Zwei Ibis-Mitarbeiterinnen vom Stadtteilbüro Neustadt in Quakenbrück (Gemeinwesenprojekt „Wir für die Neustadt“ & Quartiersmanagement Quakenbrück-Neustadt) haben sich im vergangenen Jahr auf den Weg gemacht, Licht ins Dunkle zu bringen. Mithilfe von aufsuchender Arbeit in einem mobilen Büro und aktivierenden Befragungen wurden gezielt Kontakte zu rumänischen und bulgarischen Bewohner*innen in der Neustadt aufgebaut. Es konnten wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die Herausforderungen gewonnen werden, vor denen die Integrationsarbeit – sicherlich nicht nur in Quakenbrück – steht.

Zunächst fiel auf, dass es sich nicht wie häufig angenommen vor allem um männ-liche Arbeitnehmer handelt, die nur für einen überschaubaren Zeitraum nach Quakenbrück kommen, um zu arbeiten. Viele Migrant*innen scheinen ihre Zukunft nicht mehr im Herkunftsland zu sehen, sondern holen ihre Ehepartner*innen und Kinder nach. Auch Kitas und Schulen in Quakenbrück berichten seit einiger Zeit von einer Zunahme von Kindern und Jugendlichen rumänischer und bulgarischer Herkunft. Weiter wurde in den Gesprächen deutlich, dass viele Migrant*innen grundsätzlich eine hohe Motivation zur Integration besitzen, die Arbeitsbedingungen in den Betrieben eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aber kaum zulassen. Vor allem der erschwerte Zugang zum Spracherwerb sticht hier immer wieder ins Auge. Rumänischsprachige Vorarbeiter*innen im Betrieb, überwiegend rumänische Arbeitskolleg*innen und nicht zuletzt rumänische Mitbewohner*innen in den Unterkünften erschweren das Erlernen der deutschen Sprache im Alltag. Zudem machen es Vollzeitbeschäftigung, Schichtarbeit und niedrige Löhne nahezu unmöglich, einen Sprach- oder Integrationskurs zu besuchen. Denn Sprach- und Integrationskurse sind nicht nur sehr zeitaufwendig, sondern für EU-Migrant*innen (im Gegensatz z.B. zu Asylbewerber*innen) auch noch mit hohen finanziellen Kosten verbunden. Immer wieder konnte zudem beobachtet werden, dass sich die Chancen für die Aufnahme einer qualifizierteren Beschäftigung außerhalb des Niedriglohnsektors selbst nach langjährigem Aufenthalt in Deutschland kaum verbessern, da aufgrund der spezifischen Arbeits- und Wohnsituation kaum Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache erfolgen. Somit bleiben viele Migrant*innen, die im Herkunftsland eine Ausbildung absolviert oder gar einen akademischen Abschluss erworben haben, dauerhaft weit unter ihrer beruflichen Qualifikation beschäftigt. 

Im Hinblick auf Familien mit dauerhafter Bleibeabsicht ist es wichtig, frühzeitig integrationsunterstützende Strukturen vor Ort zu schaffen. Dazu zählt vor allem die Einrichtung von bedarfsgerechten Sprachkursen, die sich mit den Arbeitszeiten vereinbaren lassen. Dies wäre ein wichtiger Anfang, um Migrant-*innen den Schritt aus den prekären Beschäftigungsverhältnissen der Leihfirmen heraus zu erleichtern und ihr Potenzial besser ausschöpfen zu können. Sollte dies nicht gelingen, besteht nicht nur die Gefahr, dass die Migrant*innen aus Südosteuropa unsere Gesellschaft als Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor dauerhaft unterschichten (ähnlich wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei den sogenannten Gastarbeiter*innen der Fall war – die negativen Folgen waren bzw. sind noch über Generationen hinweg zu beobachten). Auch in Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben besteht Konfliktpotenzial, sollte es nicht gelingen, die dauerhaft bleibenden Migrant*innen aus Südosteuropa nicht als billige Arbeitskräfte, sondern als Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Dies würde bedeuten, ihnen eine gleichwertige Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, einen Schritt auf sie zuzugehen und ihre Integration proaktiv zu gestalten. Denn wie es der Schriftsteller Max Frisch bereits 1965 im Zuge der sogenannten Gastarbeitermigration auf den Punkt brachte, hat man Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.