Eine ambivalente Beziehung

Ein Beitrag aus 2018 mit erstaunlicher Aktualität:

Die Beziehung sozialer Medien zur Demokratie wurde schon häufig diskutiert – teilweise unterstützt sie demokratische Entwicklungen, teilweise steht sie diesen im Weg. Besonders herausgehoben wurde die Bedeutung sozialer Medien etwa für den Arabischen Frühling, in dem sich demokratische Ideen über soziale Medien verbreitet haben und dann zu Protesten (bis hin zu Ausschreitungen) geführt haben, die sich für die Demokratie eingesetzt haben. Ebenso fanden soziale Medien aber auch Beachtung im Wahlkampf, sowohl in Deutschland, als auch in den USA. Hier wurde aufgezeigt, dass die Sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter etc. eben nicht zu demokratischeren Entscheidungen führen, sondern dass Meinungen gezielt beeinflusst und gelenkt werden. Soziale Medien können also beides sein: förderlich und gefährdend für die Demokratie. 

Förderlich sind diese aus verschiedenen Gründen. Wie am Beispiel des Arabischen Frühlings erkennbar, besteht grundsätzlich eine größere Meinungsfreiheit in den Netzwerken, als es oft im sonstigen öffentlichen Raum der fall ist. Jeder darf frei herausschreiben, was er möchte (sofern die Netzwerke im jeweiligen Land erlaubt sind). Diese Meinungen sind dann öffentlich, das heißt, sie werden auch gehört. Gerade an Influencern merkt man, dass teilweise Stimmen einen Einfluss gewinnen, die ohne soziale Netzwerke wohlmöglich nie gehört worden wären. Jeder, der also gut argumentiert oder sich gut „verkaufen“ kann, kann Meinungen der anderen bilden und Mitstreiter gewinnen. Dies führt dazu, dass es zu digitalen Vereinigungen kommt und daraus auch zu realen Initiativen oder Vereinen, wie man es etwa in der Flüchtlingshilfe 2015 oder im Streit der Hebammen um ihren Berufsstand online mitbekommen hat. Netzwerke und Apps helfen hier, gemeinsam etwas zu verändern und sich zusammenzuschließen – teilweise auch trotz großer räumlicher Distanz zueinander. 

Hinzu kommt, dass diese räumliche Distanz Ländergrenzen überschreitet. Es gibt natürlich auch lokale Vereinigungen, aber die sozialen Medien ermöglichen grundsätzlich den Austausch auf internationaler Ebene. Jeder erhält Nachrichten aus der ganzen Welt, kann Meinungen und Eistellungen der Bevölkerung vor Ort verfolgen und hört die Reaktionen internationaler Politiker oder Promis auf Katastrophen oder Wahlergebnisse. Das heißt, das Bewusstsein dafür etwa, wie komplex politische Entscheidungen sind und wie die Weltpolitik zusammenhängt, welche Entwicklungen in den einzelnen Ländern wieder andere Länder beeinflussen, wird online erlebbar. Dies führt zu einem wesent-lich weiteren Blick auf die Welt und die Politik, was für die Demokratie gut ist. 

Leider jedoch gibt es natürlich nicht nur diese offene Form digitalen Austausches. Mittlerweile hat sich ein Marketing um die sozialen Medien entwickelt, dass diese demokratisie-renden Prozesse behindert. Es wird Meinungsmache betrieben, in dem bewusst bestimmte Kommentare verbreitet werden. Die Werbeanzeigen und Nachrichten erhält man aufgrund eines bestimmten Algorithmus, sodass die eigenen bestehenden Einstellungen bestätigt werden oder aber sodass eine bestimmte Ansicht sich verbreitet und andere bewusst nicht. Fake-News und Bots beeinflussen die Nutzer*innen zusätzlich, da sie falsche Informationen vorgeben oder aber so tun, als wären alle frei geäußerten Meinungen von wahrhaften Menschen geäußert, obwohl lediglich ein Programm Meinungen verbreitet und mit den Nutzer*innen kommuniziert. Zusätzlich bergen die guten Verbreitungsmöglichkeiten der Meinungen eine zusätzliche Gefahr dadurch, dass es kaum Regeln gibt, was gesagt werden darf. Auch Grenzen, die durch Gesetze etwa für Zeitungen bestehen, da sie nicht verfassungswidrig sein dürfen, bestehen in sozialen Medien nur theoretisch. Rechtes Gedankengut, kann sich so sehr gut verbreiten und wird nur gestoppt, wenn das verfassungswidrige Handeln von der Userschaft gemeldet wird. Auch Pegida oder die AfD profitieren daher von sozialen Medien. 

Die Beziehung der Netzwerke zur Demokratie ist also so komplex wie die Demokratie an sich. Medienkompetenz kann ihre demokratischen Wirkungen steigern, da Fake-News, Bots und auch bestimmte Influencer so besser durchschaut werden können und die Beeinflussung reflektiert werden kann. Für aufgeklärte User sind die sozialen Medien ein klarer Gewinn für demokratische Entwicklungen.

Autor: Ibis Institut, 2018