2020 – das Jahr der Videokonferenzen.

Was vorher, zumindest hierzulande, noch kaum denkbar war, scheint nun problemlos möglich. Gut, sagen wir mehr oder minder problemlos. Mittlerweile kann man fast alles online finden, von Livekonzerten und Theater, über Podiumsdiskussionen und Seminare, bis hin zu Podcasts und YouTube-Beiträgen sowohl von Expert*innen als auch von Jedermann. Sämtliche Kanäle sind voll von Angeboten und man hat die Qual der Wahl. Selbst im beruflichen Kontext schien eine Fortbildung noch nie so einfach, zumindest solange diese ohne Praxisanteil machbar ist. Man ist ständig auf dem Laufenden und hat den Puls am Lauf der Zeit.

Die veränderten Bedingungen der letzten Monate haben die Entwicklung hin zu einem selbstverständlicheren Umgang mit allem Digitalen bewirkt, sei es Arbeit oder Freizeit. Videochats fanden Einzug ins Private und Berufliche, wenn sie vorher nicht ohnehin schon ein Teil davon waren. Manch einer sieht seine Kolleg*innen im Homeoffice öfter als im Büro, da Entfernungen keine Rolle spielen und die Kolleg*innen aus der Zweigstelle ebenso am Bildschirm präsent sind wie die aus dem eigenen Büro. Dennoch ist dieser virtuelle Austausch nicht gleichzustellen mit dem realen. Doch wieso ist das so? Gesten, Mimik, Betonung – all dies sieht und hört man ebenso in einer Videokonferenz wie in einem herkömmlichen Gespräch. 

In einer Studie zu Kommunikation in mehrsprachigen Videokonferenzen1 aus 1999 wurden bereits einige Problematiken einer indirekten Kommunikation festgestellt. So ist es in Videokonferenzen kaum möglich ein direktes Feedback seitens der Zuhörer*innen zu bekommen, was die Verständlichkeit der dargebrachten Inhalte betrifft. Da es zu Sprecherpausen führe und häufig verzögert ankomme, vermieden Zuhörer*innen verbale Zustimmung oder Ablehnung, damit diese weder zu Pausen führe, noch einen falschen Eindruck erwecke. Selbiges gilt für nonverbale Zustimmung oder Ablehnung. Für gewöhnlich beobachtet man als Sprecher*in die Zuhörer*innen, um eine Einschätzung zu bekommen, ob die Inhalte verständlich sind oder die Aufmerksamkeit nachlässt. All dies ist in einer Videokonferenz nur bedingt möglich, da man lediglich eine Auswahl an Personen sieht. 

Ein weiteres Problem sei die reduzierte “soziale Präsenz” der Beteiligten. In Videokonferenzen kann man in der Regel zwischen einer Sprecheransicht und einer Galerieansicht wählen. Entsprechend sieht man eine Person oder mehrere in kleineren Fenstern. Die Darstellung von mehreren Personen in kleineren Fenster ermöglicht einem zwar ein breiteres Bild der Reaktionen, jedoch sind die Reaktionen selbst, aufgrund des kleinen Bildausschnittes, nur schwer zu erkennen. Nonverbale Kommunikation mittels Pausen, Intonation, Blickkontakt, Gesichtsausdruck oder Handbewegungen ist, wenn überhaupt, nur in eingeschränktem Maße möglich. Diese Signale sind jedoch für eine Einordnung des Gesagten von enormer Bedeutung. Nicht zuletzt sei die räumliche Trennung ein Problem, da man so das Gefühl habe, einem gehe der Überblick über die Gesamtsituation verloren.2 Dem entgegen steht, dass Gespräche in Videokonferenz häufiger störungsfreier laufen. Das heißt, dass sich alle Beteiligten mehr auf die Sprecher*innen und somit auf das Gesagte konzentrieren, da es keine Nebenunterhaltungen gibt. Weiterhin werden Gespräche häufig sachlicher und produktiver geführt, da emotionale Reaktionen aufgrund der Sprecheretikette häufig nicht stattfinden. Mit Sprecheretikette ist hier gemeint, dass Personen nacheinander reden und zwar in der Reihenfolge der Meldung. Hiermit erziehlt man ein ähnliches Ergebnis wie bei der Anwendung der Dialogmethode in der Präsenzarbeit. All dies – Pausen beim Sprecherwechsel, intensiveres Zuhören, sich zu merken was man sagen wollte bis man an der Reihe ist – führen dazu, dass eine Videokonferenz als anstrengend und ermüdend wahrgenommen wird.3

Somit könnte man sagen, dass im Rahmen von Videokonferenzen Elemente des dialogischen Arbeitens zum Tragen kommen, betrachtet man die Kernfähigkeiten4. Bewusstes Zuhören zum Beispiel. Man ist mehr als sonst auf eine Person konzentriert, da es keine weiteren Ablenkungen gibt. Zumindest im Idealfall. Hier könnte sich eine gute Möglichkeit ergeben, das bewusste Zuhören zu trainieren, ohne von anderen dabei beobachtet zu werden oder sich auf andere Personen zu konzentrieren. Dies wiederum ermöglicht es, auch sich selbst beim Zuhören zu beobachten. Was löst eine Aussage bei einem aus? Welche Reaktionen kommen spontan? Da man aufgrund der Redereihenfolge meist warten muss bis man etwas zu dem gerade Gehörten äußern kann, hat man Zeit über die spontane Reaktion hinaus zu schauen. Durch diese gezwungene Verlangsamung entwickelt sich oft eine sachlichere und produktivere Herangehensweise an Diskrepanzen oder Themen. Es hilft die „erzwungene“ Verlangsamung anzunehmen und zuzulassen, um davon zu profitieren, die eigenen Gedanken und Argumente zu ordnen. Dies ist ebenfalls Teil der Dialogmethode. In dialogisch arbeitenden Runden wird, um eine „äußere Verlangsamung“ herzustellen, ein Redestein oder ein anderes Element genutzt. Dies führt dazu, dass nur derjenige der diesen Stein hält, sprechen darf. Somit entsteht eine ganz ähnliche Situation wie in einer Video- oder Telefonkonferenz. Es gibt eine sprechende Person, während die Anderen auf das Zuhören und Reflektieren beschränkt sind. Eine weitere Kernfähigkeit, die sich ebenso in Videokonferenzen finden lässt, ist das von Herzen sprechen. Anstelle langer Monologe tritt das Sich-Kurzfassen, sich auf das Wesentliche konzentrieren. Es geht darum nur das zu sagen, was sachdienlich und einem wirklich wichtig ist. Die begrenzte Zeit, die einem bei einem derartigen Format zur Verfügung steht, sorgt in den meisten Fällen automatisch dafür, dass sich die Redner*innen auf relevante Inhalte konzentrieren. Für ein langes Abschweifen oder ein unproduktives ins Detail gehen ist ein solches Format schlichtweg nicht geeignet. 

Entsprechend kann man nur dazu raten, die nächsten Onlineformate einmal dazu zu nutzen, an seinen dialogischen Kernfähigkeiten zu arbeiten. Dann bleibt auch mehr Zeit für den zwischenmenschlichen Austausch, der zwar nonverbal weniger vollständig aber sicherlich nicht weniger wichtig ist. 

 

1 Sabine Braun, Kurt Kohn & Hans Mikasa (1999): Kommunikation in der mehrsprachigen Videokonferenz: Implikationen für das Dolmetschen. In: Gerzymisch- Arbogast, H.; Gile, D.; House, J. & Rothkegel, A. (Hrsg.). Neuere Fragestellungen der Übersetzungs- und Dolmetschforschung. (1. Jahresband der DGÜD). Tübingen: Narr, 267-305.   https://www.researchgate.net/profile/Sabine_Braun3/publication/309736326_Kommunikation_in_der_mehrsprachigen_Videokonferenz_Implikationen_fur_das_Dolmetschen/links/5820df6308aea429b29bd15f/Kommunikation-in-der-mehrsprachigen-Videokonferenz-Implikationen-fuer-das-Dolmetschen.pdf)  

2 ebenda

3 ebenda S. 23

4 Hartkemeyer, Martina u. Johannes: Die Kunst des Dialogs.Kreative Kommunikation entdecken.Klett-Cotta, Stuttgart 2005

Autorin: JS / August 2020