Corona hat zahlreichen Branchen neue Schwerpunkte gegeben, bisherige Wege verbaut oder aber neue Möglichkeiten aufgezeigt. Auch in der sozialen Arbeit ist die zu spüren (vgl. Artikel: Herausforderungen für die Soziale Arbeit).

Eine Errungenschaft aus dieser Krisenzeit, die jedoch eigentlich gar nicht neu ist, ist die Arbeit draußen. Aufsuchende Arbeit ist immer schon auf mögliche Klienten zugegangen und auch das in der Regeln unter freiem Himmel in ihrem Alltag, aber viele Bereiche der sozialen Arbeit haben mit festen Standorten innerhalb von Gebäuden gearbeitet. 

Jugendzentren haben in ihren Räumlichkeiten mit Jugendlichen gearbeitet, Bürgerbeteiligung hat in Form von Konferenzen stattgefunden und …

jetzt, da jede Veranstaltung in Räumlichkeiten häufig mit Hygienekonzepten und einem erhöhten Aufwand an Anmeldeverfahren, Einrichtung des Raumes und Desinfektionsmöglichkeiten verbunden ist, erscheint der Weg nach draußen  attraktiv. Viele Sozialpädagog*innen, Pädagog*innen, Quartiersarbeiter*innen und Erzieher*innen sind da durchaus kreativ. 

Klient*innen werden jeder mit eigenen Picknickdecke empfangen, die offene Tür des Jugendzentrums wird kurzum nach draußen verlegt mit Spielangeboten und Bistrotischen, Gespräche mit möglichen Antragsteller*innen für Fördergelder innerhalb der Stadt werden auf einer Parkbank oder einer Sitzecke im Park geführt. Auch Stadtteilkonferenzen oder Bürgerbeteiligungsprozesse finden mit Plänen bepackt im Park bzw. vor Ort an der umzugestaltenden Stelle statt. Eine Stadtteilführung mit Schwerpunkten aus der Quartiersarbeit an den einzelnen Stationen ersetzt eine Tagung, bei der alle in einem großen Raum auf eine Präsentation via Beamer starren. 

Neben dem Aufwand, eine Veranstaltung indoor zu veranstalten, können sicherlich auch die Masken als Grund angesehen werden. Mund- und Nasenschutz wird von vielen, im pädagogischen Bereich arbeitenden Menschen, als Barriere empfunden. In Arbeitsbereichen, in dem die Beziehung zum Klienten oft an erster Stelle steht, stört es einfach, wenn man nur das halbe Gesicht sieht. Vor allem dann, wenn es auch noch Sprachbarrieren zu überwinden gilt, da es sich um ein Arbeitsfeld im Bereich Integration handelt. Lippenlesen ist oft eine wichtige Ergänzung, um das Gegenüber zu verstehen und durch das Bedecken der Lippen steht dies nicht mehr zur Verfügung. Eine Veranstaltung unter freien Himmel ermöglicht hier mehr Möglichkeiten, die Masken teilweise oder komplett wegzulassen, was ein Gewinn für den Beziehungsaufbau und die Kommunikation zwischeneinender ist. 

Ebenso sind digitale Formate – und das war schnell klar – zwar eine mögliche Alternative, aber meistens keine gute. Teambesprechungen können vielleicht gut funktionieren, aber die Arbeit mit Kindern, mit Familien, mit Suchtkranken, mit Senior*innen ist nicht in digitale Formate übertragbar. Und auch Bürger*innen werden mit digitalen Angeboten schlechter erreicht, als mit öffentlichen Treffen bei einer Konferenz oder Info-Veranstaltung. 

Ergänzend kommt hinzu, dass die soziale Arbeit eine Branche ist, die systemrelevant ist, da die Betreuung von Kindern, die Beratung von Menschen in Problemlagen, die Unterstützung von Familien und die Förderung von Menschen mit verschiedenen Handicaps nicht einfach angehalten werden kann. Die Notwendigkeit in diesem Bereich ist so groß, dass die Arbeit trotz der Einschränkungen weiterlaufen muss. Angebote nicht umzusetzen ist einfach keine Option. Daher ist mit den Einschränkungen auch zugleich die Kreativität der Mitarbeiter*innen angesprochen. Es müssen neue Wege gefunden werden, die gleichen Ziele zu erreichen und die gleichen Ideen umzusetzen. 

Glücklicherweise ist das Wetter seit dem ersten Lockdown perfekt für diese Umorientierung gewesen und man kann nur hoffen, dass die Kreativität auch im Winter nicht nachlässt. Denn dann kann man sich nicht mehr auf Sonne und grüne Parks und Außenanlagen verlassen. Dennoch werden in geschlossenen Räumen Einschränkungen bestehen. Hier wird die Branche sich weiterhin etwas einfallen lassen müssen. 

Dennoch ist es gut denkbar, dass viele Ideen, die in dieser Krise entstanden sind, weitergeführt werden, auch wenn keine Einschränkungen mehr bestehen. Die Arbeit draußen ist immerhin gesund, irgendwie leichter und angenehmer durch viel Licht und frische Luft und ermöglicht es auch, nicht nur darauf zu warten, dass Klienten von sich aus die Mitarbeiter*innen aufsuchen, sondern, dass man sich einfach mal bei ihnen trifft oder an einem schönen Ort im Stadtteil, der oft auch das Gespräch in andere Richtungen lenken kann und die Atmosphäre im Gegensatz zu einem dunklen Büro mit Schreibtisch deutlich verbessern kann.

Autorin: Stephanie Schoenen/ Oktober 2020