Gayatri Chakravorty Spivak, Professorin an der Columbia University, Vordenkerin der postkolonialen Theorie, stellte Ende der 80er Jahre die Frage „Can the Subaltern Speak?“ – Kann der/ die Subalterne sprechen?[1]

Mit ihrem so benannten Essay schrieb sie Geschichte und stellte „Marginalisierte“ (von ihr „Subalterne“ genannt), in den Mittelpunkt einer Betrachtung, ob diese Menschen, die gesellschaftlich am Rand stehen, „sprechen“ können:

  • Haben sie die sprachlichen Fähigkeiten, ihre Anliegen ausdrücken zu können?
  • Wenn ja, können sie sich so ausdrücken, dass diejenigen, die in unserem System Macht haben, die die Regeln bestimmen und Diskurse befeuern, sie überhaupt hören und wahrnehmen?

Spivak bewantwortet diese Fragen mit einem klaren „Nein“. So wie Wissen produziert und Diskurse gestaltet seien, würden die „Subalternen“, die gesellschaftlich am Rande Stehenden, sprachlos bleiben. Diejenigen, die sprechen können, sind keine „Subalternen“ mehr.

Dabei ist für Spivak im Rahmen des Essays noch zentral, dass „Marginalisierte“ nicht nur sprachlos sind, vielmehr wird auch noch für sie gesprochen und gehandelt (ohne dass ihre Sicht überhaupt berücksichtigt wird, da sie ihre Sicht ja nicht kommunizieren können). Damit erhält die Diskriminierung eine zweite Ebene, was in dem Essay am Beispiel der indischen Witwenverbrennung bzw. deren Unterbindung durch die Kolonialmacht Großbritannien herausgearbeitet wird. Der/ die „Subalterne“ wird doppelt zum Objekt.

 

KLASSISMUS ALS ÖKONOMISCHE UND KULTURELLE VERORTUNG VON MENSCHEN

Was dies mit Klassismus zu tun hat, ist offenkundig, wenn klar ist, was Klassismus bedeutet. Strukturell begründete Diskriminierung und Ausgrenzung werden oft mit Rassismus, Antiziganismus oder Feindlichkeit gegen LGBTQ* in Verbindung gebracht. Ausgrenzungsmechanismen richten sich hier gegen Minderheiten. Teilweise sehr große Minderheiten (wenn man z.B. an als „farbig“ oder „schwarz“ gekennzeichnete Menschen denkt, gerade in den USA), aber nach wie vor Minderheiten.

Ebenso wie Sexismus (der immerhin zumindest die Hälfte der Menschheit diskriminiert, ausgrenzt und unterdrückt) zielt der Begriff des Klassismus auf eine unweit größere Gruppe, die nicht mehr leicht als „Minderheit“ gedacht werden kann.

Diese kategorische Unterscheidung soll nicht das Leid und die Ausgrenzungserfahrungen von Rom*nja und Sinti*zza, „Farbigen“, „Schwarzen“, LGBTQ* oder Menschen jüdischen Glaubens klein reden (und dies damit erneut marginalisieren)! Vielmehr soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie groß die Gruppe derjenigen ist, die von Klassismus betroffen ist und wie weitreichend ausgrenzende Mechanismen damit in unserer Gesellschaft der „Reichen und Schönen“ sind.

 

In dem Buch „Klassismus. Eine Einführung“ schildern Andreas Kemper und Heike Weinbach, dass Klassismus nicht einfach einen marxistischen Klassenbegriff reproduziert[2].

Hier ist aus ihrer Sicht mehr gemeint.

Denn Klassismus zielt als Begriff für sie nicht nur auf die Position von Personen und Gruppen im Produktionsprozess. Es geht vielmehr auch um

„Anerkennungsprozesse auf kultureller, institutioneller, politischer und individueller Ebene. (…) Diese Idee von Klasse beschreibt Menschen, die ökonomisch und kulturell in der Gesellschaft verortet sind bzw. werden und daraus resultierende Diskriminierungs- und Unterdrückungserfahrungen machen.“[3]

Inwiefern damit nicht nur logische Schlussfolgerungen aus dem marxschen Klassenbegriff gezogen werden, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.

Das Entscheidende liegt an anderer Stelle: es gibt niemanden, der nicht von Klassismus betroffen ist, unabhängig davon, ob sie/ er zur „herrschenden“ Klasse, zur bürgerlichen Mitte oder zu den Beherrschten, Diskriminierten und Ausgebeuteten im politischen bzw. ökonomischen Sinn gehört, immer vor dem Hintergrund eines

„Glaubenssystems, in dem Menschen aufgrund ihres ökonomischen Status, ihrer Kinderzahl, ihres Jobs, ihres Bildungsniveaus hierarchisiert werden.“[4]

Klar ist, dass auch in diesem Prozess der „Hierarchisierung“ die Marginalisierten nicht wirkmächtig sind:

„Klassismus beschreibt ein System der Zuschreibung von Werten und Fähigkeiten, die aus dem ökonomischen Status heraus abgeleitet oder besser: erfunden und konstruiert werden.“[5]

Und weiter:

„Auf diese Weise bleiben Arme, Arbeitslose und ArbeiterInnen (sic!) definitiv „die Anderen“ und gehören „anderen“ Welten an, von denen es sich zu separieren gilt, unter anderem, indem sie abgewertet und gering geschätzt werden.“[6]

Die damit einhergehende strukturelle Ungleicheit und Machtlosigkeit wird durch Selbst- und Fremdzuschreibungen immer weiter institutionalisiert und fortgesetzt.

ARMUT, BILDUNG UND POLITISCHE TEILHABE – DREI FAKTOREN VON KLASSISMUS

Um die Reichweite von Klassismus zu skizzieren, sollen hier drei Faktoren und deren Verflechtung beleuchtet werden:

  • Armut bzw. der Besitz von Vermögen,
  • Bildung,
  • politische Teilhabe.

Auffällig ist hierbei, dass die Wirkmächtigkeit von Klassismus in der BRD (und anderswo) oft mit und durch Zahlen verdeckt wird, die zunächst darauf hinzuweisen scheinen, dass das Problem gar nicht „so groß“ ist. Als Beispiel kann hier das Thema Armut genommen werden: die Armutsgefährdungsgrenze[7] liegt in Deutschland bei 1.074 Euro pro Monat für einen Ein-Personen-Haushalt und bei 2.256 Euro für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zwischen 14 und 18 Jahren.[8] Damit waren 2019 fast 16% Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Ohne die umverteilende Wirkung von Sozialleistungen wäre es knapp jede vierte Person in Deutschland[9].

Allerdings wäre der Umkehrschluss, dass die 84%, die dann jenseits dieser gesetzten Armutsgefährdungsgrenze existieren, in der BRD gut leben können, schlichtweg falsch. Auch diejenigen, die nach der obigen Kategorisierung nicht als „arm“ gelten, sei es, indem sie Sozialleistungen beziehen, sei es, dass sie ihre Familien mit einem (immer noch) kleinen Gehalt jenseits der 2.256 € „über Wasser halten“, erfahren Ausgrenzung auf Grund ihrer sozio-ökonomischen Situation. Sie können oft bei dem, was von besser Situierten als „normal“ beschrieben wird, kaum mithalten -sei es bei der Freizeitgestaltung, beim Kauf von Kleidung, bei Urlaubsreisen ins Ausland, beim Kauf von Lebensmitteln oder bei der Gestaltung der Wohnung.

Die Studie „Inklusive Gesellschaft − Teilhabe in Deutschland. Soziale Teilhabe von Menschen in prekären Lebenslagen“ brachte es bereits 2013 auf den Punkt:

„Arbeitslosigkeit und gleichzeitiger SGB-II-Bezug bergen gravierende Ausgrenzungs-risiken (…) Dies gilt insbesondere für junge Erwachsene unter 25 Jahren (…).“[10]

Etwas klarer wird dementsprechend das Bild, wenn nicht die „Armutsgefährdungsgren-ze“, sondern die Vermögensverteilung in den Blick genommen wird: in einer Berechnung des DIW wird deutlich, dass 2017 der Hälfte der Personen in Deutschland in privaten Haushalten im Alter ab 17 Jahren nur ein Nettovermögen von bis zu 18.832 € zur Verfügung stand.[11] Im krassen Gegensatz steht hierzu, was im Durchschnitt allen aus dieser Personengruppe 2017 an Nettovermögen hätte zur Verfügung stehen können, wenn das Gesamtnettovermögen gleichmäßig verteilt wäre: jede*r hätte durchschnittlich ein Nettovermögen von 108.449 Euro besitzen können. Da sich das Nettovermögen jedoch so ungleich verteilt, verfügt das reichste Zehntel über 56,1 Prozent des gesamten Vermögens. Mehr noch, dass oberste Prozent in der Kurve der Vermögensverteilung hält ca. 18% des gesamten Vermögens und damit fast genauso viel wie die ärmsten 75% der Bevölkerung.[12]

Mit Daten aus dem Bildungsbereich kann der (bisher rein ökonomische) Blick auf Klassismus und seine Wirkung in unserer Gesellschaft erweitert werden:

  • 17% aller in der BRD lebenden Erwachsenen haben keinen Schulabschluss[13]
  • auch wenn der Trend sinkt, haben 2021 erneut 7% aller Schulabgänger*innen die Schule ohne Abschluss verlassen[14]
  • trotz des Ansatz der schulischen Inklusion besuchten im Schuljahr 2018/2019 3.9% aller Schüler*innen allgemeinbildender Schulen eine Förderschule (320.800 Kinder)[15]
  • 16% aller Schüler*innen erwarben 2019 einen Hauptschulabschluss.[16] Spannend ist hierbei, dass bereits deren Eltern zu 40% einen Hauptschulabschluss hatten, fast 15% gar keinen Abschluss[17]. Hier wird deutlich, wie sich Bildungsbenachteiligung als Faktor des Klassismus über Generationen fortsetzt.
  • Während über 57% aller Schüler*innen an Hauptschulen einen Migrationshintergrund haben, sind es nur knapp 30% an Gymnasien. Dabei liegt der Gesamtanteil an der Schülerschaft bei 36%[18]. Dementsprechend überproportional sind Schüler*innen mit Migrationshintergrund an Hauptschulen und unterproportional an Gymnasien vertreten. Hier dürften sich Diskriminierung auf Grund von Klassismus mit Diskriminierung auf Grund der Herkunft verbinden.

Ähnlich wie beim Thema Armut sind diese Zahlen einerseits erhellend – andererseits erfassen sie nicht die Reichweite von Klassismus, legen sie doch nur die „krassesten“, die eindeutigsten Folgen bloß. Auch diejenigen, die eine mittlere Reife haben, die mit Hauptschulabschluss oder mittlerer Reife erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen haben und ggf. sogar deutlich mehr Einkommen haben als die Personen, die jenseits der Armutsgrenze leben, können von Klassismus betroffen sein.

 

Dies soll exemplarisch anhand der Kategorie politische Partizipation, insbesondere im parlamentarischen System, skizziert werden. Denn wo ist Teilhabe zur Gestaltung einer Gesellschaft und zur Verbesserung von Positionen wichtiger, als im politischen Raum?

Im deutschen Bundestag saßen 2017-2021 gut 700 Parlamentarier*innen. Hiervon hatten nur 99 eine Ausbildung durchlaufen, 29 hiervon eine Ausbildung als Bankkaufmann bzw. Bankkauffrau (für die auch zumindest ein Fachabitur Grundlage ist). Weitere 11 hatten eine Ausbildung als Industriekaufmann/ -frau. Demgegenüber stehen die 775 besuchten Universitäten und 105 besuchten Fachhochschulen bei den restlichen MdBs[19]. Auch wenn die Akademikerquote in der Gesamtbevölkerung seit den 60er Jahren kontinuierlich ansteigt (2016 lag sie bei 21%[20]), zeigt sich, dass im Parlament nicht einmal ansatzweise die größte Gruppe der 44,8 Millionen Erwerbstätigen in der BRD[21], nämlich diejenigen, die nach einer mittleren Reife eine Ausbildung durchlaufen haben, adäquat vertreten sind. Lakonisch bringen es Journalist*innen auf den Punkt, wenn sie schreiben, dass „vor allem akademische Karrieren in den Bundestag führen.“[22]

Akademiker*innen besetzen auch auf regionaler und lokaler Ebene überproportional Positionen in Stadträten und Kreistagen – über 70 % der Kommunalpolitiker*innen hatten laut einer Studie in NRW einen Fachhochschulabschluss oder Abitur, fast 52% studiert bzw. sogar promoviert.[23] Es folgen dann diejenigen mit einer Ausbildung, die zumindest auf der Fachhochschulreife aufbaut. Handwerker*innen, Verkäufer*innen aus dem Einzelhandel oder Kassierer*innen von Lebensmittelmärkten gibt es bereits deutlich seltener in den Stadträten und Kreistagen. Diejenigen, die keine Ausbildung, die keinen Abschluss haben oder die bereits lange arbeitssuchend sind, sucht man zumeist vergeblich[24].

 

LET THE SUBALTERN SPEAK!

Genau an dieser Stelle schließt sich der Kreis zum Einstieg. Wie können die berechtigten Ideen, Einwände, Anregungen und Proteste von weiten Teilen der Bevölkerung gehört werden, die auf Grund ihrer vermeintlichen „Klasse“ nicht teilhaben, die auf Grund des vermuteten oder zugewiesenen sozial- und bildungspolitischen Status nicht sprechen können?[25] Sie verfügen auf Grund ihrer (mangelnden) Bildung und/ oder ihres beruflichen Tätigkeitsfelds und/ oder ihrer gesamten Lebenssituation weder über den Habitus noch die Codes, um Zugang in Institutionen wie politische Gremien zu erhalten.

Vielmehr kann angenommen werden, dass sie selbst zahlreiche Strategien entwickeln, um nicht sprechen zu müssen. Hier dürften Thesen wie „die da oben entscheiden sowieso wie sie wollen, da kann ich nichts machen“ oder aber „ich kann das nicht, ich bin dafür zu dumm/ ungebildet/ alt/ unwichtig…“ oder „das sollen lieber die tun, die Ahnung davon haben“ eine große Rolle spielen, die zu Glaubenssätzen werden können, um die eigene Machtlosigkeit erträglich zu machen.

Was folgt daraus für diejenigen, die gesellschaftliche Prozesse begleiten? Für diejenigen, die es wichtig finden, dass bei der Bürgerbeteiligung zur Umgestaltung eines Platzes nicht nur das gut situierte Architetktenehepaar teilnimmt, sondern auch diejenigen, die das Arbeitslosenzentrum nebenan besuchen? Für diejenigen, die denken, dass bei der Erstellung eines Konzepts für Zusammenleben in der Stadt nicht nur die eloquenten Fachleute, sondern auch die Arbeitsmigrant*innen, die „nur“ gearbeitet haben, ganz ohne Abschluss, mit am Tisch sitzen? Für diejenigen, die glauben, dass Politik ein Geschäft ist, an dem auch der langjährige Hartz IV-Bezieher und die Packerin in einem Discounter teilhaben sollten?

Ein erster wichtiger Schritt wäre die Selbstreflektion – wo stehe ich als private Person und als Profi in dieser Hierarchisierung? Wie betrifft mich Klassismus, wie handele ich hier, welche diskriminierende und ausgrenzende Mechanismen nutze ich, welche (be-)treffen mich? Tatsächlich dürfte dieser Schritt der schwierigste sein, denn wer gibt gerne zu, entweder selbst „Opfer“ oder aber sogar „Täter*in“ bzw. „Privilegierte*r“ zu sein? Allerdings zeigt sich in der antirassistischen Arbeit, in Trainings zu interkultureller Kompetenz oder in Untersuchungen zu Diversity, dass diese Selbstreflektion die entscheidende Grundlage ist, damit der Einsatz für Gleichheit und Teilhabe nicht zu einem bloßen Lippenbekenntnis wird. Deutlich ist auch, dass dieser Selbstreflektionsprozess nie abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu erfolgen muss, um Denkmuster und Verhaltensweisen erfolgreich ändern zu können.

In einem nächsten Schritt gilt es zu beleuchten, wie es um das System, die Strukturen, in denen man/ frau sich (beruflich) bewegt, bestellt ist. Was sind hier ausgrenzende Mechanismen, welche strukturelle Diskriminierung erfolgt, wo sind die gläsernen Decken und die Engpässe im Zugang? Dies können sich Fachkräfte und Institutionen aus dem Bildungsbereich (Kita, Schule) ebenso fragen wie Organisationen in einer Verwaltungstruktur (Sozialamt, Arbeitsamt), ein Verein (Brauchtumspflege, Sport), freie Träger der Wohlfahrtspflege, Quartiersmanagements, Parteien oder aber Kirchengemeinden. Letztlich bedienen sämtliche gesellschaftliche Systeme Klassismus.

Ob diese Analyse durch die Fachkraft/ Fachkräfte selbst bzw. durch die Institution als ganzes ohne externe Unterstützung geleistet werden kann, ist fraglich.

Denn spätestens hier beginnt auch die Einbeziehung derjenigen, die durch Klassismus negativ betroffen sind. Welche Zugänge besitze ich/ besitzt meine Institution zu Einzelpersonen und Gruppen? Gibt es Interessenvertretungen der „Marginalisierten“ (die Erfahrung zeigt, dass sie oft eher dünn gesät sind; Marginalisierte haben keine große Lobby und tendieren auch auf Grund der mangelnden „Sprechfähigkeit“ selten dazu, sich zu organisieren) bzw. Multiplikator*innen, mit denen ich

  • für meine Selbstreflektion,
  • für die Reflektion meiner Arbeit und der Arbeit meiner Institution,
  • für die Überwindung von Zugangsbeschränkungen auf Grund von Klassismus

zusammenarbeiten kann?

 

Dann sind wir bei der Frage „Wie können wir gemeinsam darauf hinarbeiten, dass die auf Basis von Klassismus sprachlosen, nicht gehörten Menschen eine Stimme erhalten?[26]

Wenn die (auf Grund von Klassismus) marginalisierten „Subalternen“ nicht so sprechen können, dass sie gehört werden, wie schaffen wir gemeinsam eine Sprechkultur, in der dieser Teufelskreis durchbrochen wird? In der nicht mehr eine nächste Ebene der Übergriffigkeit eingezogen wird, indem zuerst einige auf Grund ihrer ihnen zugeordneten gesellschaftlichen Position nicht so sprechen können, dass sie gehört werden und dann auch noch (die zweite Stufe der Diskriminierung) wohlmeinende andere für sie sprechen?

In der die „armen“ Personen am „Rande der Gesellschaft“ nicht erst in die „Mitte“ gebracht, „gutbürgerlich“ und „normal“ gemacht, von ihren „Defiziten“ befreit werden müssen? In der es dafür nicht mehr ganz viele Anwält*innen dieser Personenkreise gibt, die ihnen beibringen möchten, doch endlich „richtig“ zu sprechen, die „richtige“ Kleidung zu tragen, die „richtigen“ Ziele im Leben zu haben?

Wie werden die „Subalternen“ vom doppelten Objekt zum Subjekt?

Klar ist hierbei: die Selbstreflektion der Akteur*innen, der Fachkräfte, die Beleuchtung diskriminierender Strukturen in Institutionen, die Einbindung von Multiplikator*innen, um dieser strukturellen Benachteiligung in der Organisation entgegenzuwirken sind dann erst ein Anfang, eine Basis, um das viel größere Ziel zu erreichen:

Let the Subaltern speak!

Gemeinsam und auf Augenhöhe den Raum schaffen, dass alle Stimmen Gehör finden, nicht nur derjenigen mit dem passenden sozialen und finanziellen Hintergrund, nicht nur diejenigen mit dem richtigen „Wording“, dem adäquaten Habitus, dem elaboriertesten Code. Und auch nicht erst diejenigen, die „den Sprung“ aus ihrem Milieu „geschafft“ haben und endlich, so sind, so ein Leben führen, wie sich herrschende Klasse und gutbürgerliche Mitte dies für sie vorstellen.

Dass dieser Prozess für alle Beteiligten nicht leicht sein kann, ist offensichtlich. Diejenigen, die privilegiert sind, müssen sich zurückhalten, müssen Raum und Wirkungsmacht abgeben, müssen die Fassaden fallen lassen, müssen denjenigen auf Augenhöhe begegnen, die sie klammheimlich doch immer ein bisschen verachtet haben. Diejenigen, denen die Worte fehlen, die im eigenen Kopf nicht unablässig die nächste Phrase zurecht legen und das eigene Verhalten, die eignen Bedürfnisse reflektieren, müssen ihre Stimme erheben, immer mit der Angst, dass sie vielleicht nicht gut genug sind. Dass ihre Art zu sprechen, sich auszudrücken, aufzutreten, sich zu kleiden belächelt wird.

Es bedarf viel Mut.

Es bedarf eines großen Vertrauensvorschusses.

Gerade ohne die Vermittlung der Multipliktor*innen, die sich als „Dolmetscher*innen“ in dem Prozess anbieten, wird es vermutlich schwierig. Es gilt, sehr behutsam zu sein, Geduld zu haben, nachsichtig zu sein, die Fehler nicht überzubewerten.

Die größere Leistung liegt dabei gewiß bei den Marginalisierten, den Subalternen, auch im Bereich des Klassismus.

 

GUTE VORSÄTZE AUF DEM WEG ZUR HÖLLE

Wie schwierig der Weg ist, soll ein Beispiel aus einer Kommune im Norden Deutschlands aus der praktischen Arbeit zeigen. Dort leben zahlreiche Menschen aus Südosteuropa an der bzw. jenseits der Armutsgrenze, die in der Fleischindustrie arbeiten. Sie wohnen zumeist in bestimmten Straßenzügen und Häusern, eng aufeinander. Sie verfügen über wenig Bildung, wenig soziales Kapital, vermutlich auch nicht in ihren Herkunftsländern. Sie zeigen Verhaltensweisen, die vom „deutschen“, vom „gutbürgerlichen“ Umfeld, von Verwaltung, Politik und Bildungsinstitutionen sehr kritisch gesehen werden. Warum gehen ihre Kinder nicht immer zur Schule? Warum trennen sie ihren Müll nicht oder schmeißen ihn einfach in Tüten vor die Haustür, auf die Grünfläche? Warum laufen ihre Kinder Abends noch herum? Warum beachten sie die Corona-Regeln nicht?

Ein Bürger hat sich auf den Weg gemacht. Er hat eine Dolmetscherin, die rumänisch und bulgarisch spricht, angesprochen. Er hat (deutsche) Bürger*innen aus der Umgebung zusammengetrommelt, man ist gemeinsam mit der Dolmetscherin zu dem Haus mit den vielen Menschen aus Südosteuropa gegangen.

Und dann ist nichts passiert.

Sie haben geklingelt. Sie haben geklopft. Sie haben vor der Haustür gestanden.

Geöffnet hat ihnen niemand und auch niemand wollte mit ihnen sprechen (nicht einmal durch ein Fenster).

Das haben die enttäuschten Bürger*innen, die in bester Absicht gehandelt haben, dann  in einem Arbeitskreis erzählt. Es hat sie sehr frustriert. Das kann jede*r, der/ die die Geschichte hört, vermutlich gut verstehen. Sie haben sich aus ihrer Sicht Mühe gegeben, sie haben den Kontakt gesucht, obwohl sie vieles nicht verstehen, es fremd ist, es einfach vielleicht auch nervt, es viel anderes zu tun gibt.

Und dann es hat nicht funktioniert.

Das ist sehr frustrierend.

Es ist eines der klassischen Beispiele dafür, wie der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist.

Im Nachhinein müssen sich die engagierten Bürger*innen einige Fragen stellen, um das Debakel nicht zu wiederholen (denn es bleibt zu hoffen, dass es zu einem Kontakt, zu einem Gespräch, zu vielen Gesprächen, vielleicht sogar zu einem Zusammenleben, bei dem sich alle wohlfühlen, kommt):

  • Haben sie die Bewohner*innen des Hauses vorab gefragt, ob sie Zeit und Lust zu einem Treffen haben?
  • Haben sie ihnen die Möglichkeit gegeben, Zeit und Ort mitzubestimmen (vielleicht sogar einen neutralen Ort zu wählen)?
  • Haben sie sich gefragt, welche Multiplikator*innen neben einer Dolmetscherin eingebunden werden könnten, um ihre Gegenüber zu erreichen?
  • Haben sie die Bewohner*innen des Hauses gefragt, ob sie da vielleicht jemanden kennen? Jemanden gerne mitbringen möchten aus ihrer Gemeinschaft?
  • Haben die engagierten Bürger*innen vorab gesagt, mit wie vielen Personen sie kommen möchten?
  • Haben sie gefragt, ob das ihrem Gegenüber recht ist?
  • Haben sie sich erkundigt, ob die Bewohner*innen des Hauses vielleicht auf Grund ihres prekären Arbeitsverhältnisses Angst haben, mit Dritten über ihre Situation zu sprechen?
  • Haben sie sich erkundigt, ob und wie Eingewanderte aus Südosteuropa in solchen Situationen überhaupt über ihre Sorgen und Nöte sprechen oder ob es ihnen peinlich ist (vielleicht hat ja jemand aus der Kommune oder aus anderen Kommunen hier Erfahrungswerte?)?
  • Ob den Eingewanderten vielleicht ihre Armut und ihre mangelnden Kenntnisse der deutschen Sprache peinlich sind?
  • Ob sie vielleicht ganz andere Sorgen und Nöte haben, als mit den „deutschen“ Bürger*innen zu sprechen und gar nicht den Kopf dafür frei haben?
  • Wurde gemeinsam festgelegt, was überhaupt ein Ziel eines solchen Gesprächs sein kann?

Diese Liste kann vermutlich beliebig erweitert werde und ja, es zeigt, es ist schwierig, es muss viel berücksichtigt werden und selbstverständlich kann der/ die Leser*in nun kritisieren „Und wie sollen das die engagierten Bürger*innen, die das alles in ihrer Freizeit machen, auch noch leisten?“.

Vielleicht gar nicht, vielleicht ist es hier tatsächlich besser, wenn bei einer solchen schwierigen Situation eine dritte, eine neutrale und fachlich versierte Stelle mit einbezogen wird, die genau diese Fragen stellt bzw. beantworten kann, um die Situation für alle Beteiligten befriedigender zu gestalten (und auch nicht die allein selig machende Lösung ist, gerade wenn sie ebenfalls übergriffig handelt).

Doch das ist gar nicht das Entscheidende an diesem Punkt.

Entscheidend ist, dass in so einem Dialog, diejenigen, die normalerweise kaum oder gar nicht Gehör finden, von Beginn an einbezogen werden müssen, dass sie nicht nur das Gefühl vermittelt bekommen: „Wir hören Euch jetzt einmal zu, also Bitteschön redet JETZT“, sondern dass sie die Situation von Beginn an mit gestalten und mit bestimmen: die Regeln, die Zielsetzungen, die Grenzen, die Inhalte, Zeit und Ort.

Das bedeutet, dass sie sprechfähig werden, dass bedeutet, dass sie nicht erneut zum Objekt werden. Nur so können alle sprechen, auch die „Subalternen“.

 

[1] Gayatri Chakravorty Spivak (2007): Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Turia + Kant Verlag.

[2] Kemper, Andreas und Heike Weinbach (2016): Klassismus. Eine Einführung. Unrast Verlag.

[3] ebd. S. 13

[4] ebd. S. 16

[5] ebd. S. 17

[6] ebd. S. 18

[7] Nach wissenschaftlichen Konventionen liegt die Armutsrisikoschwelle bei 60 Prozent des Medians der Nettoäquivalenzeinkommen. Quelle: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Armut/Armutsrisikoquote/A01-Indikator-Armutsrisikoquote.html

[8] Quelle: https://www.tafel.de/themen/armut/wann-gilt-jemand-als-arm/

[9] https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61785/armutsgefaehrdung

[10] https://d-nb.info/1074316266/34

[11] Quelle: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung

[12] ebd.

[13] Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Bildungsstand/Publikationen/Downloads-Bildungsstand/bildung-deutschland-5210001209004.pdf?__blob=publicationFile

[14] Quelle: https://www.destatis.de/DE/Service/Statistik-Campus/Datenreport/Downloads/datenreport-2021-kap-3.pdf?__blob=publicationFile

[15] ebd.

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] ebd.

[19] Quelle: https://blog.de.indeed.com/2021/04/19/bildungswege-in-den-bundestag-die-beruflichen-qualifikationen-der-politikerinnen/

[20] https://www.iab.de/de/informationsservice/presse/presseinformationen/arbeitsmarkt_kompakt.aspx

[21] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/_inhalt.html

[22] https://www.stern.de/wirtschaft/job/politikerberufe–was-bundestagsabgeordnete-gelernt-haben-und-was-nicht-30493584.html

[23] https://www.lkt-nrw.de/media/4837/das-kommunale-ehrenamt-in-nordrhein-westfalen-studie-ruhr-universitaet-bochum.pdf, S. 38

[24] ebd.

[25] Der Einwand von Spivak, dass diejenigen, die aus dem Kreis der Marginalisierten stammen in dem Augenblick auch nicht mehr zu den Marginalisierten gehören, wenn sie sprechfähig werden, soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden; er ist für die Stoßrichtung dieses Artikels unerheblich.

[26] Hier muss erneut darauf hingewiesen werden, dass Spivak selbst eher die Ansicht vertrat, dass die „Subalternen“ in dem Augenblick, in dem sie so sprechen, dass sie gehört werden, bereits keine „Subalternen“ mehr sind, so dass Dilemma aus ihrer Sicht nicht lösbar ist.

 

Autorin: Patricia Jessen/November 2021

Bild: https://pixabay.com/de/photos/gesicht-zement-skulptur-schimmel-4877524/