Autorin: Mareike Schmidt
Ist die Zeit der Integrationskonzepte vorbei?
Kommunale Integrationsarbeit unter Druck
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben viele Kommunen Integrationskonzepte entwickelt, um Zugewanderte und Schutzsuchende besser in Bildung, Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Teilhabe einzubinden. In vielen Städten und Landkreisen wurden entsprechende Strategien verabschiedet und teilweise mehrfach fortgeschrieben.
In den letzten Jahren hat sich jedoch eine fachliche Debatte darüber entwickelt, wie zeitgemäß solche Konzepte und der ihnen zugrunde liegende Integrationsbegriff noch sind. Migration ist heute ein Normalzustand moderner Gesellschaften und die gesellschaftliche Realität ist weit über die bloße Frage der Zuwanderung von Heterogenität geprägt.
Während Integrationsarbeit insbesondere im Zuge der Zuwanderung von Geflüchteten seit 2015/2016 vielerorts ausgebaut und gezielt weiterentwickelt wurde, stehen kommunale Haushalte seit einigen Jahren zunehmend unter Druck. Dadurch geraten freiwillige Aufgaben rund um Integration, Diversität und gesellschaftlichen Zusammenhalt schneller zur Disposition. Davon betroffen sind nicht nur strategische Konzepte, sondern auch entsprechende Stellen, Projekte und Unterstützungsstrukturen vor Ort. In zahlreichen Kommunen sind zusätzliche Maßnahmen in diesen Bereichen nur noch im Rahmen externer, zeitlich begrenzter Förderprogramme umsetzbar – und damit strukturell nicht dauerhaft abgesichert, selbst dann, wenn vor Ort langfristig Bedarfe vorhanden sind.
Hinzu kommt, dass die Notwendigkeit entsprechender Strategien in diesem Themenfeld politisch nicht überall selbstverständlich gesehen wird. Die Gestaltung von Integration und Zusammenleben wird häufig als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, für die angesichts knapper Haushalte vielerorts immer weniger Ressourcen bereitgestellt werden. Politische Mehrheiten für die Entwicklung oder Fortschreibung von Konzepten sind unter diesen Rahmenbedingungen schwerer zu erreichen.
Zudem hat sich auch der politische und gesamtgesellschaftliche Diskurs über Migration, Integration und Vielfalt im Laufe der letzten Jahre stark verändert. Rechtspopulistische Parteien haben an Einfluss gewonnen, Zuwanderung, auch aus Fluchtgründen, wird zunehmend problematisiert und Vielfalt stößt in Teilen der Gesellschaft auf Ablehnung. In diesem Zusammenhang werden entsprechende Maßnahmen und Ausgaben immer häufiger kritisch hinterfragt und nicht selten im Kontext allgemeiner Verteilungskonflikte diskutiert.
Angesichts dieser Entwicklungen drängt sich die Frage auf, ob Integrationskonzepte überhaupt noch zeitgemäß sind, oder es andere Ansätze braucht?
Herausforderungen für das Zusammenleben werden komplexer
Kommunen sind die Orte, an denen gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar sichtbar und spürbar werden. Viele Städte und Gemeinden sehen sich mit multiplen, verwaltungsressortsübergreifenden Herausforderungen konfrontiert, die das lokale Zusammenleben in all seiner Heterogenität betreffen. Vielerorts prägen wachsende soziale Ungleichheit, unterschiedliche Lebensrealitäten innerhalb von Städten und Quartieren sowie ein Nebeneinander verschiedener Bevölkerungsgruppen das lokale Zusammenleben. Begegnungen zwischen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus finden dabei nicht immer selbstverständlich statt. Dadurch können Unsicherheiten, Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen entstehen oder sich verstärken: zwischen Personen mit und ohne Behinderungen oder Zuwanderungsgeschichte, zwischen sozio-ökonomisch unterschiedlich aufgestellten Menschen, Menschen verschiedenen Alters, sexueller oder politischer Orientierung.
Dies führt auch dazu, dass sich viele Bürger*innen in ihren Städten und Quartieren zunehmend unsicher fühlen. Oft wird das subjektive Sicherheitsgefühl meist weniger durch konkrete Erfahrungen vor Ort geprägt, als vielmehr durch öffentliche Debatten, mediale Berichterstattung und Inhalte in sozialen Medien.
Dies schlägt sich auch im rückgehenden Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Prozesse nieder: Laut Ipsos Populist Report 2025 nehmen 77% der Menschen in Deutschland die Gesellschaft als gespalten wahr; 68% sind der Ansicht, dass sich das Land insgesamt negativ entwickelt und es wird von einem wachsenden Misstrauen gegenüber politischen Akteur*innen, und Institutionen berichtet.
Strategische Ansätze neu denken
Die beschriebenen Entwicklungen zeigen: Einerseits besteht weiterhin ein hoher Bedarf an strategischen Ansätzen, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und das Zusammenleben vor Ort zu gestalten. Andererseits wird es unter den aktuellen Rahmenbedingungen schwieriger, umfassende Konzepte politisch zu legitimieren, finanziell abzusichern und nachhaltig umzusetzen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Kommunen weniger die Frage, ob strategisch gearbeitet werden soll, sondern wie. Aus der Praxis lassen sich derzeit zwei zentrale Entwicklungsrichtungen beobachten:
1. Fokus schärfen:
Eine Möglichkeit besteht darin, die bestehenden Ansätze bewusst zu fokussieren und stärker auf die zentralen Stellschrauben gelingender Integration auszurichten. Viele Konzepte sind über die Jahre sehr umfangreich geworden: Sie umfassen zahlreiche Handlungsfelder, Ziele und Maßnahmen, ohne dass immer klar erkennbar ist, was tatsächlich priorisiert werden sollte. Vor diesem Hintergrund rückt stärker die Frage in den Mittelpunkt, welche Ansätze unter begrenzten Ressourcen tatsächlich wirksam und umsetzbar sind.
Im Kern geht es darum, zwischen grundlegenden Bausteinen und ergänzenden Maßnahmen zu unterscheiden und klare Prioritäten zu setzen. Ein solcher Ansatz kann dazu beitragen, die Integrationsarbeit klarer auszurichten, ihre Wirksamkeit zu erhöhen und sie zugleich gegenüber Politik und Öffentlichkeit besser zu begründen. Dadurch gelingt es, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben und Integration weiterhin aktiv zu gestalten. (vgl. Blogartikel „Ist die Zeit der Integrationskonzepte vorbei?)
2. Integrationsarbeit weiterentwickeln:
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Fokus über klassische Integrationskonzepte hinaus zu erweitern und Fragen von Teilhabe, Vielfalt und Zusammenleben stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Integration wird dabei nicht aufgegeben, sondern in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Einige Kommunen gehen diesen Weg bereits (vgl. Blogartikel zu Vielfaltskonzepten). Ein solcher Ansatz stößt häufig auf eine hohe Akzeptanz, da er stärker auf die gesamte Stadtgesellschaft ausgerichtet ist und das Leitbild verfolgt, dass alle am Zusammenleben teilhaben sollen – unabhängig von Aspekten wie Herkunft, körperlicher oder geistiger Verfassung oder sozioökonomischer Lage.
In jedem Fall führt ein gut erarbeitetes Konzept nicht automatisch zu „mehr Maßnahmen“, sondern unterstützt vielmehr dabei, vorhandene Aktivitäten zu bündeln und Ressourcen gezielt einzusetzen. Ein besonderer Mehrwert liegt zudem im Prozess selbst: Im moderierten Austausch der unterschiedlichen Akteur*innen aus Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft werden die spezifischen Herausforderungen und Bedarfe vor Ort gemeinsam analysiert, unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht und mögliche Lösungsansätze diskutiert. Dadurch entstehen neue Kooperationen, Netzwerke und ein gemeinsames Verständnis für lokale Herausforderungen. Gerade diese gemeinsame Analyse- und Verständigungsphase bildet häufig eine zentrale Grundlage dafür, dass Strategien später auch tatsächlich getragen und umgesetzt werden.
Für Kommunen kann gerade die Fortschreibung oder Weiterentwicklung bestehender Konzepte eine Chance sein, aktuelle Herausforderungen neu zu bewerten, Prioritäten zu setzen, vorhandene Ressourcen zu bündeln und die Zusammenarbeit vor Ort weiter zu stärken.
Fazit: Brauchen Kommunen noch Integrationskonzepte?
Die Frage, ob Integrationskonzepte noch zeitgemäß sind, lässt sich nicht allein am Begriff festmachen. Fest steht: Die Herausforderungen für das Zusammenleben vor Ort werden komplexer, während die Handlungsspielräume vieler Kommunen kleiner werden.
Gerade die Fortschreibung oder Weiterentwicklung bestehender Konzepte ist eine Chance, aktuelle Herausforderungen neu zu bewerten, Prioritäten zu setzen, vorhandene Ressourcen zu bündeln und die Zusammenarbeit vor Ort weiter zu stärken.
Entscheidend ist dabei weniger die Bezeichnung eines Konzepts als vielmehr die Frage, wie Kommunen tragfähige und realistische Ansätze entwickeln können, um das Zusammenleben in einer von Heterogenität geprägten Gesellschaft zu gestalten und Teilhabe zu fördern. Die beiden skizzierten Wege bieten hierfür unterschiedliche Perspektiven.
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