Autorin: Mareike Schmidt
Weiterentwicklung zu teilhabeorientierten Konzepte
Die Herausforderungen für das Zusammenleben in Kommunen verändern sich zunehmend und werden komplexer. Fragen von Teilhabe, sozialer Ungleichheit, Begegnung und gesellschaftlichem Zusammenhalt betreffen längst nicht mehr nur einzelne Zielgruppen, sondern die Stadtgesellschaft insgesamt. (vgl. Blogartikel „Ist die Zeit der Integrationskonzepte vorbei?)
Vor diesem Hintergrund haben einzelne Kommunen in den letzten Jahren begonnen, ihre Integrationskonzepte gezielt weiterzuentwickeln und in einen breiteren Zusammenhang zu stellen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr nur die Integration einzelner Zielgruppen, sondern die Frage, wie das Zusammenleben in einer von Heterogenität geprägten Stadtgesellschaft insgesamt gestaltet werden kann.
Wie dies konkret aussehen kann, zeigt sich in der Praxis – unter anderem in Melle, Rastatt oder Wesel, wo wir entsprechende Prozesse begleitet haben.
Ausgangspunkt in allen Kommunen waren klassische Integrationskonzepte (bitte prüfen: war das überall so?), die vor allem auf die Unterstützung von Zugewanderten und Schutzsuchenden ausgerichtet waren. Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass viele Herausforderungen darüber hinausgehen. Fragen der Teilhabe, der Information, der Begegnung oder der sozialen Ungleichheit betreffen nicht nur Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, sondern die Stadtgesellschaft insgesamt – sei es in Bezug auf Barrierefreiheit, niedrigschwellige Zugänge oder verständliche Informationen. Ein Perspektivwechsel ermöglicht es, Maßnahmen nicht mehr ausschließlich zielgruppenspezifisch zu denken, sondern stärker an gemeinsamen Bedarfen auszurichten. Vor diesem Hintergrund hat sich in den Prozessen ein Leitgedanke herauskristallisiert: Alle sollen teilhaben können.
Beispiel Melle: Ein Konzept für die gesamte Stadtgesellschaft
In der Stadt Melle wurde das frühere Integrationskonzept in einem breit angelegten Beteiligungsprozess zwischen 2021 bis 2023 zu einem Konzept zum „Zusammenleben in Vielfalt“ weiterentwickelt. Dieses richtet sich ausdrücklich an alle Bürger*innen der Stadt und hat zum Ziel, Teilhabe für alle zu verbessern und das Zusammenleben in einer vielfältigen Stadtgesellschaft aktiv zu gestalten.
Im Entwicklungprozess wurden unterschiedliche Methoden miteinander kombiniert, um die vorhandenen Probleme, Bedarfe und Ressourcen zu ermitteln. Eine Onlinebefragung lieferte zunächst ein breites Stimmungsbild aus der Bevölkerung. Ergänzend wurden Expert*inneninterviews mit Akteur*innen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern (z.B. Verwaltung, Beratung, Ehrenamt, Schule) geführt, um spezifische Perspektiven und Erfahrungen einzubeziehen.
Ein besonderer Ansatz war das sogenannte Charrette-Verfahren. Hierbei handelt es sich um ein mobiles Beteiligungsformat, bei dem Gespräche – unterstützt durch einen mobilen „Bollerwagen“-Ansatz – direkt in den Stadtteilen geführt werden. Dadurch konnten gezielt auch Menschen erreicht werden, die an klassischen Formaten wie Workshops oder Veranstaltungen häufig nicht teilnehmen.
Im Rahmen von mehreren themenbezogenen Workshops wurden die Ergebnisse anschließend gemeinsam ausgewertet, diskutiert und in konkrete Ansätze überführt. Auf diese Weise entstand Schritt für Schritt ein gemeinsames Verständnis darüber, wo die zentralen Herausforderungen in den Bereichen Teilhabe und Zusammenleben in Melle liegen und welche Ansätze geeignet sind, diesen zu begegnen.
Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf einer stärkeren sozialräumlichen Ausrichtung. So wurde im Prozess deutlich, dass viele Herausforderungen in Melle – eine der größten Flächenstädte Niedersachsens – nicht allein durch zentrale Angebote in der Innenstadt adressiert werden können. Stattdessen braucht es niedrigschwellige Strukturen direkt vor Ort in den Stadtteilen. Ein zentraler Ansatzpunkt des Konzepts liegt daher unter anderem in der Weiterentwicklung der Bürgerbüros, die als lokale Anlaufstellen, Vernetzungsorte und Brücken zu den Menschen in den Stadtteilen eine Schlüsselrolle einnehmen.
Wirkung in der Praxis
Ein häufiges Problem bei Konzepten ist, dass sie auf einer abstrakten Zielebene verbleiben und – aus verschiedenen Gründen – nur begrenzt in die Umsetzung überführt werden. In Melle wurden bewusst konkrete, umsetzungsorientierte Ansätze entwickelt. Dabei sind die identifizierten Handlungsfelder mit klaren Zielsetzungen und darauf aufbauenden Maßnahmen hinterlegt. Diese wurden zudem hinsichtlich ihrer Bedeutung priorisiert, sodass deutlich wird, welche Ansätze vorrangig umgesetzt werden sollten.
Konzepte wie dieses dienen somit nicht nur als strategisches Dokument, sondern als konkrete Arbeitsgrundlage für Verwaltung und lokale Akteur*innen. Diese Handlungsorientierung erleichtert die Umsetzung und erhöht zugleich die Verbindlichkeit.
In Melle wird das Konzept zudem aktiv in die Stadtgesellschaft getragen und nicht auf die Verwaltung beschränkt. Ein zentraler Baustein ist eine begleitende Kampagne, die als konkrete Maßnahme aus dem Konzept hervorgegangen ist. Sie macht das Thema Vielfalt sichtbar und besetzt es positiv. Unter dem Leitmotiv „Welchen Anteil hast du?“ werden Menschen aus der Stadt vorgestellt, die sich in unterschiedlichen Bereichen engagieren oder Teilhabe leben. Auf diese Weise wird Vielfalt nicht als Problem gerahmt, sondern als Mehrwert für das Zusammenleben. Gleichzeitig greift die Kampagne zentrale Handlungsfelder des Konzepts auf, bereitet sie verständlich auf und zeigt konkrete Anknüpfungspunkte sowie Ansprechpartner*innen auf. Sie lädt dazu ein, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.
Fazit
Praxisbeispiele wie das Konzept „Zusammenleben in Melle“ zeigen, wie aus einem zielgruppenspezifischen Konzept eine breitere Perspektive auf das Zusammenleben in einer vielfältigen Stadtgesellschaft entstehen kann.
Entscheidend für den Erfolg solcher Konzepte ist zum einen der dahinterstehende Beteiligungsprozess, der lokale Rahmenbedingungen analysiert und Perspektiven zusammenführt. Zum anderen ist wichtig, dass entsprechende Konzepte nicht bei strategischen Zielsetzungen stehen bleiben, sondern so angelegt sind, dass sie tatsächlich Wirkung entfalten und als Grundlage für die praktische Umsetzung dienen. Dazu gehört auch, Konzepte aus einer rein verwaltungsinternen Perspektive herauszulösen und für die Stadtgesellschaft sichtbar, verständlich und anschlussfähig zu machen.
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