Autorin: Patricia Jessen
Die Idee, dass über Multiplikator*innen „randständige“ Zielgruppen im Feld der sozialen Arbeit erreicht werden können, die erschwerte Zugänge zu spezifischen Angebote, Leistungen und Institutionen haben, ist nicht neu. Trotzdem verdient sie es, erneut, gerade auch im Kontext der Teilhabe in einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft, für die strategische und praktische intersektionale, antidiskimierende Arbeit in den Blick genommen zu werden. Dabei wird deutlich, dass ihre Möglichkeiten über den punktuellen Einsatz hinausgehen, gleichzeitig aber auch einer gut durchdachten Planung bedürfen.
Spätestens in den 80er Jahren war die Praxis der Arbeit mit Multiplikator*innen im angelsächsischen Raum etabliert. So beschrieben z.B. Page et al. im Journal of Applied Behavior Analysis die Methode und Wirkung eines „Pyramidal training“ um Multiplikator*innen in der Sozialen Arbeit im Rahmen der „Indirect Social Work Practice“ zur Dissemination einzubinden (Page, T. J., et al. (1982): „Pyramidal Training: A large-scale application with institutional staff.“ in: Journal of Applied Behavior Analysis, 15, S. 335 ff.).
In der Bundesrepublik dauerte es jedoch bis in die 2000er bis das Konzept z.B. für die Integrationsarbeit nutzbar gemacht wurde. Beispielhaft kann hier auf eines der ersten Stadtteilmütterprojekte in der BRD verwiesen werden, das 2006 nach niederländischem Vorbild in Berlin-Neukölln umgesetzt wurde: hier suchten vorab geschulte Frauen mit Zuwanderungsgeschichte Familien auf und gaben anhand zur Verfügung gestellten Materialien Informationen rund um Erziehung, Bildung und Gesundheit weiter (https://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank/detailseite/modellprojekt-stadtteilmuetter-in-neukoelln/).
Dass so Menschen angesprochen und mobilisiert werden können, zu denen ein erschwerter Zugang besteht, unterstrich 2008 u.a. die Freiburger Studie „Multiplikatorenmodelle für die Arbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund“ — mit Schwerpunkt auf der Bildungsarbeit: „Um Eltern mit Migrationshintergrund zu ermöglichen, ihre Kinder bei Problemen in der Sprachentwicklung kompetent zu unterstützen, hat sich in Deutschland eine Maßnahmenform entwickelt, die mit sogenannten Multiplikator(inn)en (sic!) arbeitet. Multiplikator(inn)en (sic!) sind Personen mit Migrationshintergrund, die in unterschiedlichen Formen Elternbildung durchführen.“ (Michalek, R et al. (2008): „Multiplikatorenmodelle für die Arbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund.“, S.7, https://irf.fhnw.ch/server/api/core/bitstreams/3879b0d3-178f-4e93-ac8c-609da2c85491/content)
Andere Ansätze bezogen sich z.T. auf engere Handlungsbereiche bzw. Inhalte. Beispielhaft kann hier die 2017 erschienene Handreichung „Kriterien für gute Praxis der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung“ benannt werden Neben der Verengung der Handlungsbereiche (ausschließlich Gesundheitsförderung) wurden die Zielgruppe weit gefasst — die Idee ist, ganzheitlich und sozialgruppenbezogen Multiplikator*innen zu gewinnen, um möglichst viele unterschiedliche Menschen und Gruppen in einer von Diversität geprägten Gesellschaft erreichen zu können. Neben „Peers“ werden in diesem Ansatz zudem Fachkräfte als Multiplikator*innen angesprochen. (Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit Geschäftsstelle Gesundheit Berlin-Brandenburg e. V. (Hrsg, 2017): „Kriterien für gute Praxis der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung.“, S. 19, https://www.p-sachsen.de/files/2020/03/kriterien-fuer-gute-praxis-der-soziallagenbezogenen-gesundheitsfoerderung.pdf)
Wie kann vor diesem (nur angerissenen) Hintergrund eine Einbindung von Multiplikator*innen für die strategische und praktische intersektionale Arbeit skizziert werden? Tatsächlich sind hierfür mehrere Kernpunkte zu betrachten:
Ein zentraler Schritt, gerade im Kontext der intersektionalen Arbeit ist die klare Definition der Zielgruppe(n), die durch Multiplikator*innen erreicht werden sollen. Damit geht die Analyse des sozialen Umfelds und Sozialraums einher. Zudem lohnt es sich, die Zielgruppe nicht als vermeintlich „bekannt“ oder „homogen“ annehmen, sondern mögliche Teilgruppen mit eigenen Bedarfen zu identifizieren.
Darauf aufbauend müssen die Ziele sowie die Inhalte/Handlungsbereiche beschrieben werden — nicht nur wer erreicht werden soll, sondern was vermittelt werden soll, sollte klar umrissen sein, erst recht, wenn intersektional verschiedene Zielgruppen mit ähnlichen Herausforderungen/Bedarfen angesprochen werden.
Beziehen sich die vorherigen Schritte auf das „wer“ und „was“, steht bei der aufbauenden Konzeptionierung eines angedachten Multiplikator*innenprojekts das „wie“ im Mittelpunkt. Aufbauend auf den klaren Definitionen welche Zielgruppen zu welchen Themen erreicht werden sollen, sollten u.a. folgende Teilschritte bedacht werden:
In der praktischen Umsetzung/Implementierung sollte auf jeden Fall eine Erprobungsphase durchgeführt werden, in der es eine klare Fehlerkultur gibt. Gerade im intersektionalen Bereich können Herausforderungen auftreten, auf Grund derer nachgesteuert werden muss. Regelmäßige Evaluationen sollten zudem ebenfalls terminiert werden, da sich ggf. Zielgruppen oder Bedarfe ändern können.
Wichtig kann sein, dass Multiplkator*innen geschützte Räume zur Verfügung haben, um Beratungs-, Begleitungs- und weitere Angebote durchführen zu können. Gerade hier können die Kooperationspartner*innen unterstützen, wenn sie mit der anvisierten Zielgruppe eng zusammenarbeiten und deren Räumlichkeiten von der Zielgruppe/den Zielgruppen als „Safe space“ gesehen werden (z.B. der Quere Jugendtreff, das Arbeitslosenzentrum oder der Moscheeverein).
Die dauerhafte Begleitung der (ehren- oder hauptamtlichen) Multiplikator*innen und wiederkehrende Schulungen, insbesondere zu komplexeren Themen), sind ebenfalls wichtig.
Sowohl in der eigenen Institution wie auch bei Kooperationspartnern sollte parallel zum Multiplikator*innenprojekt die eigene diversitätsorientierte/interkulturelle Öffnung (DIKÖ) verfolgt werden, um in den teilnehmenden Institutionen arbeitsbereichsübergreifend zu sensibilisieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Hier können Rückmeldungen an die Multiplikator*innen genutzt werden, um den Öffnungsprozess zu steuern.
Als abschließender Punkt ist die Finanzierung anzusprechen. Zahlreiche Multiplikator*innenprojekte — ob kommunal verwurzelt oder bundesweit umgesetzt — haben in der Vergangenheit gezeigt, wie wichtig sie für die Teilhabechancen der jeweiligen Zielgruppe sind. Vor dem Hintergrund zeitlich begrenzter „Anschubfinanzierungen“ oder Förderungen sowie Kommunen in der Haushaltssicherung wurden und werden die meisten dann eingestellt, wenn sich gerade gut etabliert haben. Dies führt zu Frustration bei den Fachkräften, den beteiligten Ehrenamtlichen und den Zielgruppen. Dementsprechend wichtig ist über eine refinanzierte Projektlaufzeit hinauszulangen.
© Ibis Institut 2026